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Agroforst und Damm- Hügelkultur

Aktualisiert: 6. Nov. 2023

Agroforst-Systeme in Westspanien wurden traditionell in Kombination mit der Damm- bzw. Hügelkultur bewirtschaftet. Noch heute sieht man Überbleibsel dieser Form des Landbaus, wobei nur wenig alte Bäume überlebt haben. Die Dammkultur verschwand in den 1960er-70er Jahren innerhalb kürzester Zeit, weil man zunächst mit chemischem Dünger und später auch Herbiziden den Arbeitsaufwand stark reduzieren und höhere Erträge erzielen konnte. Arbeitskräfte waren schon damals schwer zu bekommen, da die jungen Menschen in die Städte zogen. Die neue Technik für die moderne Landwirtschaft kam aus Regionen, in denen die Dammkultur schon lange verschwunden war und Landwirtschaft im Flachanbau praktiziert wurde – es gab also keine Möglichkeit einen effizienten Anbau auf Dämmen mit dem Traktor umzusetzen. Es gab nur noch vereinzelt, meist alte Bauern, die ihr Getreide und Gemüse auf Dämmen anbauten und ihre Weinpflanzen und Obstbäume anhäufelten. Fragte man Sie, wieso sie das tun, war die Antwort: Weil es einen besseren Ertrag bringt, nicht nur gemessen am Gewicht, sondern auch in der Qualität. Diese Dammkultur war damals sehr arbeitsintensiv; die Dämme für den Acker- und Gemüsebau wurden mit dem Tierzug erledigt und Bäume von Hand angehäufelt.


Agroforst mit traditioneller Dammkultur

Bild1: Getreide auf Dämmen zwischen unterschiedlichen Baumarten in Nord-West Spanien, der Heimat von Julian Turiel.


In dieser Zeit wusste man nicht, welchen negativen Einfluss die chemischen Mittel und falsche mechanische Bodenbearbeitung auf das Bodenleben haben. Auch war nicht bekannt, welchen Einfluss Pilze, Würmer, Bakterien und anderen Mikroorganismen auf den Boden und die Pflanze haben. Trotz der vermeintlichen Unwissenheit haben die Bauern genau die Dinge gemacht, die für das Bodenleben und für die Pflanze letztlich das richtige waren. Sie haben den Boden ohne große Krafteinwirkung bewegt, den Hügel für einen dauerhaften Gasaustauch aufgebaut und mit Mist von höchster Qualität gedüngt. Ein Beispiel, das die Beziehung des Landwirts mit dem Boden verdeutlicht: Es war vergleichbar mit einer Sünde, in bestimmten Phasen des Wachstums über ein Feld zu laufen, geschweige denn, wenn der Boden nass war. Das Verhältnis zum Boden war eher damit zu vergleichen, wie sie heute mit Haustieren gepflegt wird. Der Anbau in Agroforstsystemen war ein weiterer Aspekt, der durch die Beobachtungsgabe der Landwirte als gut und nützlich empfunden wurde - auch ohne wissenschaftliche Erkenntnisse. Damals war klar, damit ein Baum viele gute Früchte bringt, muss er angehäufelt werden oder zumindest auf einem erhöhten Niveau gepflanzt sein, wie man es heute noch in einigen osteuropäischen Ländern sehen kann.


Olivenbäume angehäufelt

Bild 2: Die Hügel in den Olivenplantagen waren bei älteren Bäumen bis über 1m hoch.


Zum Anbau auf Hügeln sagte Rudolf Steiner im Vierten Vortrag des landwirtschaftlichen Kurses: “Wenn nämlich für irgendeinen Ort der Erde ein Niveau, das Obere der Erde, vom Inneren der Erde sich abgrenzt, so wird alles dasjenige, was sich über diesem normalen Niveau einer bestimmten Gegend erhebt, eine besondere Neigung zeigen zum Lebendigen,(…). Sie werden es daher leichter haben, (..), unorganische, mineralische Erde, fruchtbar zu durchdringen mit humusartiger Substanz oder überhaupt mit einer in Zersetzung begriffenen Abfallsubstanz, wenn Sie Erdhügel aufrichten und diese damit durchdringen. Dann wird das Erdige selber die Tendenz bekommen, innerlich lebendig, pflanzenverwandt zu werden. Derselbe Prozess geht vor bei der Baumbildung.“


Vorteile angehäufelter Obstbäume:

• Die Form des Hügels begünstigt einen Gasaustausch, mehr Luft kann in den Boden eindringen. Das sind ideale Bedingungen für das Wachstum von Pilzen und anderen Bodenlebewesen wie dem Mykorrhiza-Pilz, der den Baum mit Nährstoffen versorgen kann.


• Die natürliche Nährstoffaufnahme über das Bodenleben ist Grundlage für ein gesundes Wachstum. Der Baum ist robust und weniger anfällig für Krankheiten. Die optimale Versorgung mit Nährstoffen ist die Voraussetzung für eine gute Fruchtbildung.


• Angehäufelte Bäume sind weniger triebig in ihrem Wachstum. Das Bedeutet, die Früchte des Baums bekommen ausreichend Energie, anstatt dass Kraft für das Bilden neuer Triebe verbraucht wird. Das hat auch den Vorteil, dass diese Bäume weniger beschnitten werden müssen.


Feigenbäume mit Hügel

Bild 3: Angehäufelte Feigenbäume und Dämme zwischen den Bäumen.


Anders als bei im Ackerbau und Gemüsebau, wurden Bäume traditionell nicht auf einem Hügel gepflanzt, sondern auf dem normalen Niveau der Erde (ebenerdig). Nach Wachstumsbeginn wird eine erste Schicht Erde an den Stamm gehäufelt. Die Erhöhung der Erde erzeugt ein besonderes Mikroklima.



Gasaustausch Dammkultur

Abbildung: Gasaustausch bei auf gehäuften Dämmen: Tal- und Bergwind bei Tag und in der Nacht.


Sobald die Wachstumsphase des Baums einsetzt und die Wurzeln die zusätzliche Erdschicht durchwurzelt haben, wird der Vorgang wiederholt. Am Ende der Wachstumsperiode wird nicht mehr aufgehäufelt, sondern die obere Schicht Erde abgekratzt, abgehackt. Geschickt ist, diesen Arbeitsgang vor dem Frühling zu machen, dass der Bewuchs, der über den Winter entstanden ist, das Wachstum des Baumes im Frühling nicht hindern. Gleichzeitig ist das Abhacken der Wurzeln in der obersten Erstschicht vor Wachstumsbeginn auch ein Anreiz für das Wurzelwachstum. Setzt das Wachstum im Frühjahr wieder ein, wird der Prozess des Aufhäufelns fortgeführt. Der Hügel wächst also langsam, kontinuierlich mit dem Baum.



Obstbaum mit Wurzeln über dem Erdhorizont

Bild 4: Obstbaum mit Wurzeln über dem Erdhorizont, bis an der Stelle, wo Erde angehäufelt wurde.



Es gibt auch Bäume, die keine Wurzeln am Stamm bilden, wenn man sie anhäufelt. Auch bei diesen Bäumen wurden Hügel gemacht, weil man auch bei ihnen die Vorteile dieses Vorgehens sah. Die Zeitabstände zum Anhäufeln bei Bäumen, die keine Wurzeln am Stamm bilden, können z.B. nach der Unkrautkeimung ausgerichtet werden. Keimt neues Unkraut, wird den Hügel gehackt und bei der nächsten Unkrautwelle wieder angehäuft. Selbst Dämme/Hügel, die neben den Bäumen angelegt werden, haben einen positiven Einfluss auf das Wachstum, da sie die Oberfläche vergrößern, eine Luftzirkulation erlauben und dadurch Wurzel- und Pilzwachstum fördern. Im Weinbau war es üblich, dass als Bodenbearbeitung zwischen den Reben Dämme hinterlassen wurden.


Am Seminar in Schloss-Hamborn am 27.03.2023 hat Julian Turiel von seinen Erfahrungen aus dem traditionellen Agroforst-System berichtet:




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